Leseprobe: Gezeitenwechsel
"Oh verdammt, lasst ihn doch in Ruhe! Ihr habt euren Spaß gehabt - und er hat nicht nachgegeben bisher. Glaubt ihr vielleicht, Schmerz ist etwas, das ihn zum Einknicken bringt? Gib doch endlich zu, dass du dich geirrt hast, Daniel! Martin hat viel, was zu uns zu passen scheint - aber etwas Wesentliches fehlt. Vielleicht ist er es auch einfach nur zu gewohnt, selbst zu befehlen, um sich dir unterordnen zu können, Daniel. Wir können das hier nicht durchziehen!" "Woher du das wohl so genau weißt, Johannes? Was ist denn los? Gehen deine Hormone mit dir durch, dass du ihn so eifrig in Schutz nimmst? Oder fängst du jetzt an, kalte Füße zu kriegen wie Muriel? Den ganzen Tag über hast du jedenfalls schön brav dabei mitgespielt, Martin zu verwirren und auf diesen Abend vorzubereiten."
Das erste Mal spürte ich, wie
eiskalte Finger der Angst mein Rückgrat berührten. Bisher hatte ich
alles für einen Traum gehalten, oder einen Scherz.
Einen Scherz übelster Sorte, zugegeben, und einen, der nach Rache schrie
- aber doch einen Scherz.
Daniels Worte jetzt klangen jedoch zu ernst für einen kleinen Spaß
auf meine Kosten. Da steckte mehr dahinter.
Nur, was?
Und was war mit Muriel?
"Schluss der Diskussion," verkündete
Daniel nun und bekräftigte die Aussage mit einem herablassenden, klatschenden
Klaps auf meinen Hintern. Für den ich ihn hätte erwürgen können,
hätte mir diese Möglichkeit offengestanden.
Wobei mir nicht bewusst gewesen war, eine welch brennende Wirkung die bloße
flache Hand hinterlassen konnte. Ohne dass ich eine Unterscheidung hätte
treffen können, ob das Feuer eher auf meiner Haut oder auf meiner Seele
brannte.
"Wir sind nicht zum Reden hier. Katharina, bist du bereit?"
Mich hätte er fragen müssen, ob ich so weit war. Was gab es denn schon
in ihrer Position bereit zu sein? Sie musste ja wohl nur zuschlagen; denn wie
die Strafe aussehen würde, war mir inzwischen klar. Es war die primitivste,
einfallsloseste Form, die es gab.
Und schon schnitt der erste Hieb
ein, noch bevor ich die Bedeutung des leisen Zischens überhaupt realisieren
konnte, das ihm vorausging.
Ich stöhnte gegen den Knebel an, bäumte mich unwillkürlich und
reflexartig auf, was den Schmerz sich nach vorne fortsetzen ließ, wo die
Enden des Holzbalkens mir mittlerweile eher wie Messerschneiden vorkamen, die
sich mehr und mehr in mein Fleisch bohrten und trotz fehlender Schärfe
ihr Ziel bald erreichen würden, die Haut zu öffnen und Blut strömen
zu lassen.
Der zweite folgte, noch ehe ich im Rahmen der wenigstens an meinem Hintern rasch
eintretenden leichten Entspannung richtig Luft holen konnte.
Eine Stimme zählte; die von
Achim, stellte ich fest, als ich mich darauf konzentrierte, um mich von dem
Schmerz abzulenken.
Der nach und nach überall zu sein schien, weil ich meinen Körper nicht
zwingen konnte stillzuhalten, und mit meinen ebenso ruckartigen und kräftigen
wie völlig sinnlosen Versuchen auszuweichen die Unbequemlichkeit meiner
Lage mit jedem Hieb unerträglich verstärkte.
Mein Kreuz tat mir weh, wo der Gürtel saß, vorne quälte mich das harte Holz mit seinen Kanten, in meinem verrenkten Hals stach bei jeder Bewegung ein Messer zu, der Mund brannte ebenso wie die Wange, die Arme begannen zu kribbeln, meine Hände schmerzten wie nach schwerer körperlicher Arbeit, weil ich sie die ganze Zeit über verkrampfte.
Gegen diese allgemeine Pein war der
punktgenaue Schmerz immer wieder geradezu eine Erholung.
Wäre der hämische Unterton nicht gewesen, in dem Achim zählte,
es hätte beinahe gut sein können.
So durchdringend die schneidende Empfindung auch war - sie ließ so schnell
nach, dass ich mich jedes Mal bereits auf diese Erleichterung freuen und sie
genießen konnte, während alles andere konstant gnadenlos schlimmer
wurde und mir nicht einmal Sekundenbruchteile des Nachlassens und der Erholung
bot.
Beinahe vergaß ich das demütigend
Lächerliche an meiner Lage in der aktuellen Pein.
Das heißt, nein, das stimmt nicht; das Wissen darum, welchen Anblick ich
den anderen bot, Daniel, Johannes, Anne, bohrte die ganze Zeit im Hintergrund
auf einem brachliegenden Empfindungsnerv herum, bis er rotglühend zuckte.
Dennoch fand dies lediglich im Hintergrund statt.
Ein Hinweis darauf, wie brüllend laut der zunehmende Schmerz seine Wolfsfänge
in mich schlug.
Langsam endete mit dem kurzen Innehalten zwischen den einzelnen Zahlen das einzige, das mir das Ganze ein wenig erträglicher gemacht hatte; die Hiebe mit was auch immer für einem Instrument kamen nun so dicht nacheinander, und mein Hintern fühlte sich bereits überall so brennend wund an, dass die Qual der Erwartung der nächsten Feuerzunge kaum weniger schrecklich war als diese selbst.
Jemand sagte etwas, ärgerlich,
drängend; ich brauchte eine Weile, um Johannes' Stimme zu erkennen.
Mir war, als tanzten Flammen in meinem Kopf, machten das Denken unmöglich.
Es war zu mühsam, den Worten zu folgen. Ich schloss die Augen, genoss die
Pause, ächzte dabei leise vor mich hin.
Schon längst hätte der
nächste Schlag kommen müssen, doch Katharina war anscheinend beschäftigt,
Johannes zuzuhören. Nun antwortete sie; ebenfalls ärgerlich, kalt,
böse.
Eine tiefe Dankbarkeit Johannes gegenüber, der mir diesen Aufschub verschafft
hatte, weitete meine Brust.